5 Mythen über 7 Bücher – Mythos 1

Es freut mich sehr den Lesern meines Blogs heute eine kleine fünfteilige Serie zu den deuterokanonischen Büchern der Heiligen Schrift vorstellen zu können. Vor einigen Jahren habe ich einen sehr interessanten Beitrag von Mark P. Shea, den ich sehr schätze, aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Sein Beitrag erschien 2001 im Envoy Magazine und ist aktuell unter dem Titel „5 Myths about 7 Books“ auf der Website catholiceducation.org des Catholic Education Resource Center (CERC) veröffentlicht.

Mark hat mich freundlicherweise autorisiert diese Übersetzung nun erstmalig einer deutschsprachigen Leserschaft zu Verfügung zu stellen, was ich hiermit gerne tue. Hierbei handelt es sich um eine freie Übersetzung, die ggf. auch kleinere Ergänzungen oder Auslassungen enthalten kann, um sie etwas an die Bedürfnisse, Gewohnheiten und das Verständnis der deutschsprachigen Leserschaft anzupassen.

Mark ist ein US-amerikanischer Katholik und Apologet, und als solcher ein landesweit bekannter und gefragter Autor, Redner und „Gesicht“ der katholischen Kirche in den USA. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, den in der römisch-katholischen Kirche tradierten Glauben in seiner ganzen Tiefe, Schönheit und Lebendigkeit zu erläutern, ihn zu verbreiten und auch apologetisch zu verteidigen. Mark hat zahlreiche Beiträge in Magazinen veröffentlicht und ist Autor mehrerer Bücher, die ich sehr empfehlen kann. Mark betreibt einen Blog auf patheos.com.

 5 Mythen über 7 Bücher

Über den Deuterokanon wird heutzutage eher wenig gesprochen. Jene, die ihn thematisieren sind zumeist Christen, die in aller Regel einer dieser zwei Gruppen angehören:

  • Katholiken, die ihre Bibel üblicherweise leider nicht so gut kennen und deshalb auch wenig über die deuterokanonischen Schriften wissen.
  • Und Protestanten, die ihre Bibel vielleicht besser kennen, dennoch wenig über die Spätschriften wissen, da sie in ihrem Kanon ja nicht enthalten oder allenfalls als Anhang beigefügt sind.

Mit einer abgehobenen Interessenssphäre, die sich auf den informierten ökumenischen Dialog zu beschränken scheint, wundert es nicht, dass die meisten Menschen mit dem Wort „Deuterokanon“ nichts anfangen können oder meinen, es handele sich dabei vielleicht um ein Entwicklungsprojekt des Verteidigungsministeriums für eine moderne Laserkanone.

Der Deuterokanon (zweiter Kanon) besteht aus sieben Büchern:

  1. Jesus Sirach
  2. Tobit
  3. Weisheit
  4. Judit
  5. 1. Makkabäer
  6. 2. Makkabäer und
  7. Baruch

sowie längere Abschnitte von Daniel und Ester.

Diese Bücher befinden sich bei katholischen Christen im Kanon des Alten Testaments, nicht aber bei evangelischen Christen, die sie ein wenig abwertend als „apokryph“ bezeichnen. Diese Bücher werden nicht deshalb als „deuterokanonisch“ bezeichnet, weil sie zweitklassig oder qualitativ minderwertiger wären, sondern weil sie in ihrem zeitlichen Status „Teil der Heiligen Schrift“ zu sein, später angesiedelt werden als Teile, die bereits seit langer Zeit allgemein als heilige Schriften betrachtet wurden, wie bspw. Genesis, Jesaja und die Psalmen.
Weshalb fehlen diese Bücher in potestantischen Bibeln? Für die Ablehnung der deuterokanonischen Bücher wird von Protestanten eine Vielzahl von Erklärungen angeführt. Ich nenne diese Erklärungen „Mythen“ weil sie entweder fehlerhafte oder schlicht unzureichende Gründe für eine Ablehnung dieser Schriften sind. Wir werden die gängigsten fünf Einwände ergründen und ihnen begegnen.

Mythos 1

Die deuterokanonischen Bücher befinden sich nicht in der hebräischen Bibel. Sie wurden von der Katholischen Kirche beim Konzil von Trient hinzugefügt, nachdem Luther sie ablehnte.

Der Hintergrund dieser Theorie lässt sich folgendermaßen skizzieren:

Jesus und die Apostel waren Juden und verwendeten die gleiche Bibel, die Juden heutzutage verwenden. Mit dem Verschwinden der Apostel kam es dazu, dass bestimmte Hierarchen begannen – entweder aus reiner Ignoranz oder weil es eben fragwürdige katholische Traditionen unterstützte – der Bibel weitere Bücher anzufügen. Erst mit der Reformation im 16. Jahrhundert bemerkten die ersten Protestanten, da sie endlich in der Lage waren ihre Bibeln ohne die kirchliche Propaganda Roms zu lesen, dass das jüdische Alte Testament vom katholischen abweicht. Mit der rechten Erkenntnis dieser mittelalterlichen Hinzufügungen konnte man den Staub und die Eintrübungen vom Wort Gottes abtragen, wie beim Schliff eines Diamanten. Rom reagierte beim Konzil von Trient (1564-1565) wenig subtil und fügte die deuterokanonischen Bücher nun offiziell dem Kanon der Heiligen Schrift bei und läßt damit viele Gläubige in der Annahme, sie wären schon immer Bestandteil der Bibel gewesen.

Soweit die erste schöne Theorie. Das Problem sind die hauchdünnen historischen Grundlagen hierfür. Wie wir gleich sehen werden führt diese Theorie zu einigen bemerkenswerten Dilemmata.

Die sich ergebenden Probleme beginnen mit der falschen Annahme, dass die moderne Jüdische Bibel identisch sei mit jener, die Jesus und die Apostel verwendeten. Dies ist falsch. Tatsächlich war zur Zeit Jesu das Alte Testament immernoch deutlich im Fluss und es gab in der apostolischen Zeit noch keinen festgelegten Kanon der Schrift. Einige werden einwenden, dass es das sehr wohl gab, weil Jesus selbst die Menschen dafür verantwortlich machte die Schriften zu befolgen. Dies ist aber ebenfalls falsch. Tatsächlich machte Jesus die Menschen verantwortlich ihrem Gewissen zu gehorchen und demnach der Schrift insoweit zu entsprechen, wie es praktisch möglich war etwas in die Hand zu bekommen, das diese Schrift ausmacht. Es wurden aus gängigen Schriften „diese und jene“ rezitiert: In Joh 19,36 heißt es „Denn dies geschah, auf dass die Schrift erfüllt würde […].“ „Habt ihr nicht auch diese Schrift gelesen…“ (Mk 12,10) „Und wiederum sagt eine andere Schrift: […]“ (Joh 19, 37).

Die Sadduzäer betrachteten bspw. nur die ersten fünf Bücher des Alten Testaments als inspiriert und kanonisch. Der Rest des Alten Testaments wurde ähnlich geringgeschätzt wie protestantische Christen die deuterokanonischen Bücher heute betrachten: „Nett, aber nicht das inspirierte Wort Gottes.“ Das ist auch genau der Grund dafür, weshalb die Sadduzäer in Matthäus 22, 23-33 mit Jesus über die Realität der Auferstehung stritten: Sie konnten es aus den fünf Büchern Mose einfach nicht ableiten und sie betrachteten die späteren Bücher der Heiligen Schrift, die explizit darüber berichten (z. B. Jesaja und 2 Makkabäer), nicht als inspiriert und kanonisch. Sagt Jesus zu ihnen: „Ihr irrt euch gründlich, dass ihr Jesaja und 2. Makkabäer nicht kennt“? Verpflichtet er die Sadduzäer dazu, diese Bücher als kanonisch anzuerkennen? Nein. Er versucht keineswegs die Sadduzäer wider Willen in das erweiterte Alte Testament einzuführen. Er weist die Sadduzäer einfach mit dem Teil der Schrift zurecht, den sie anerkennen: Er argumentiert regelrecht für die Auferstehung anhand den fünf Büchern des Gesetzes. Aber natürlich heisst das nicht, dass Jesus sich nun selbst auf den zurechtgestutzten Kanon der Sadduzäer beschränkt.

Als er sich nun einer anderen jüdischen Gruppe dieser Zeit zuwendet, den Pharisäern, tut Jesus etwas ganz ähnliches. Diese Juden hielten sich an einen Kanon, ähnlich dem moderner Juden – ein weitaus größerer als der der Sadduzäer, aber immer noch nicht so umfassend wie andere Zusammenstellungen jüdischer Schriften. Deshalb zögerten Jesus und die Apostel auch nicht in Streitgesprächen mit den Pharisäern anhand der Schriften zu argumentieren, die letztere auch als solche anerkannten. Ähnlich wie bei den Sadduzäern impliziert dies nicht, dass Jesus und die Apostel den Kanon der Schrift nur auf das beschränkten, was die Pharisäer auch anerkannten.

Wenn der Herr und Seine Apostel griechisch sprechenden Diaspora Juden begegnete, bedienten sie sich einer weitaus größeren Schriftensammlung – der Septuaginta. Diese griechische Übersetzung hebräischer Schriftrollen betrachtete die große Mehrheit der Juden als die inspirierte Schrift. Es ist eine seltsame Ironie, dass eine der beliebtesten Passagen anti-katholischer Polemik gerade Markus 7, 6-8 ist. Diese Verse bildeten die Grundlage für zahllose Vorwürfe gegen die römisch-katholische Kirche, sie füge der Schrift menschengemachte Traditionen hinzu, solche wie die bloß „menschengemachten Werke“ der deuterokanonischen Bücher. Nur die wenigsten realisieren dabei, dass der Herr mit Markus 7, 6-8 die Version von Jesaja zitiert, die sich nur in der Septuaginta befindet. Und das ist die Ironie: Die Schriftversion der Septuaginta, jene die Christus hier zitiert, enthält auch die deuterokanonischen Bücher, jene, die Rom im 16. Jahrhundert angeblich „hinzugefügt“ habe. Und dieses Zitat ist keinesfalls das einzige im Neuen Testament, das sich auf die Septuaginta bezieht. Tatsächlich stammen ganze zwei Drittel der im Neuen Testament zitierten Passagen des Alten Testaments aus der Septuaginta.

Weshalb sind dann aber die deuterokanonischen Bücher dennoch nicht in der modernen Jüdischen Bibel? Weil die Jüdischen Gelehrten, die den modernen jüdischen Kanon formuliert haben a) nicht an der apostolischen Lehre interessiert waren und b) im Gegensatz zu den Motivationen der apostolischen Gemeinschaft von völlig anderen Anliegen im Hintergrund getrieben wurden. Tatsächlich fanden die Anfänge der Kanonisierung der Hebräischen Bibel gerade mal am Ende der apostolischen Zeit statt und eine gewisse Festlegung des Kanons erfolgte auf der rabbinischen Versammlung in Jawne (gr. Jamnia) etwa 90 n. Chr.

Nach der Zerstörung des zweiten Tempels konsolidierte sich das Judentum. Die Juden suchten nach einem gewissen Halt in dieser Zeit der Ungewissheit und so konzentrierte man sich mit großer Intensität auf die Schriften (und editierte auch große Teile des Talmudtraktats „Edujot“ und den Beginn der Mischna-Edition). Es wurde vor dieser Zeit von Juden niemals der Versuch gemacht formal einen Schriften-Kanon zu definieren. Tatsächlich findet man auch keine Hinweise in der Schrift, dass den Juden bewusst gewesen wäre, das der Kanon zu einem bestimmten Punkt überhaupt abgeschlossen sein solle.

Der Kanon, auf den man sich in Jawne einigte, war im wesentlichen der größere Kanon der Pharisäer Palästinas und nicht der kürzere der Sadduzäer, welche während des Jüdischen Krieges mit Rom praktisch ausgelöscht wurden. Allerdings war dieser neue Kanon auch nicht mehr mit der griechischen Version der Septuaginta in Übereinstimmung, welche die jüdischen Rabbis mehr oder weniger fremdenfeindlich als „zu sehr heidnisch (durch die griechische Sprache) befleckt“ erachteten. Man erinnere sich daran, dass sich die Rabbis Palästinas – vor dem Hintergrund der „römischen Kathastrophe“ und dem daraus erlittenen Leid – nicht gerade in Hochstimmung bezüglich multikulturellen Angelegenheiten befanden. Ihr Volk wurde von fremden Invasoren dahingeschlachtet, der Tempel wurde entweiht und zerstört und die jüdische Religion befand sich in heillosem Durcheinander. Für die Rabbis fiel daher die griechische Septuaginta unter den Tisch und man entschied sich für den mittelgroßen Pharisäischen Kanon. Schließlich wurde diese Version von der großen Mehrheit der Juden angenommen – obwohl nicht von allen. Bis heute verwenden die äthiopischen Juden die Septuaginta und nicht den kürzeren Kanon Palästinas, der von den Rabbis in Jawne festgelegt wurde. Mit anderen Worten: Der Kanon des Alten Testaments, den die äthiopischen Juden verwenden ist identisch mit dem katholischen Kanon, inklusive der sieben deuterokanonischen Bücher.

Aber wir erinnern uns, dass die katholische und apostolische Kirche zur Zeit des Jüdischen Konzils von Jawne längst existierte und die Schriften der Septuaginta in Lehre, Verkündigung und in den Gottesdiensten bereits seit 60 Jahren verwendete, so wie es die Apostel schließlich selbst taten. Die Kirche hatte keinerlei Veranlassung oder Verpflichtung den Wünschen der Rabbiner zu entsprechen, die deuterokanonischen Bücher auszuschließen, genausowenig wie die Kirche eine Veranlassung dazu sah den Rabbinern zu folgen und die Schriften des Neuen Testaments abzulehnen, welche die Rabbiner ja ebenfalls zurückwiesen. Tatsache ist, dass nach der „Geburt“ der jungen Kirche, am Tage des Pfingstereignisses, die Rabbiner nicht länger in der Autorität des den Christen offenbarten Dreieinigen Gottes standen, solche Angelegenheiten zu regeln: sie hätten zweifelsfrei das Neue Testament verworfen. Die Autorität wurde der jungen Kirche Christi gegeben, inklusive der Autorität über die Festlegung des Kanons der Schriften.

Deshalb gingen Kirche und Synagoge fortan unterschiedliche Wege, nicht im Mittelalter oder im 16. Jahrhundert, sondern bereits im 1. Jahrhundert. Die komplette Septuaginta inklusive der deuterokanonischen Schriften wurde zuerst von Jesus Christus und Seinen Aposteln angenommen – und nicht erst durch das Konziel von Trient.

Zur Fortsetzung: Mythos 2

Bildnachweis: Wortwolke aus Text, Eigenerstellung